Zyklon FINA in Darwin – wie ich ihn erlebt habe
- emnaturenurse
- 6. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit

Die ersten Nachrichten über den herannahenden Zyklon »Fina« liefen schon Tage vorher über Radio, Fernsehen und die Wetterdienste. Das Wetteramt stufte ihn zunächst als Tropensturm der Kategorie eins ein, warnte aber eindringlich, dass er über dem warmen Wasser im Timor Sea schnell an Stärke gewinnen könne. Die Modelle deuteten darauf hin, dass er bis Samstag auf Kategorie 3 heraufstufen könnte – mit Böen zwischen 200 und 224 km/h, heftigem Regen und möglicher Überschwemmungsgefahr.
Die Nachrichten weckten Erinnerungen an frühere Stürme. Darwin hat eine stürmische Geschichte, und sobald der Name Tracy (1974) fällt, wird jedem klar, wie ernst so ein System werden kann. Auch Marcus 2018 war noch präsent: umgestürzte Bäume, Stromausfälle, das Chaos danach. Die Einsatzleiterin vom ABC-Radio riet zur Ruhe, aber klaren Vorkehrungen. Trinkwasser, Batterien, Medikamente, Vorräte – und am besten mehrere Tage vorher besorgt, weil die Regale im ganzen Northern Territory schnell leergefegt waren.

Wir machten genau das. Wasser, Lebensmittel, Gas für den Grill, Batterien, geladene Akkus, Sprit für den Generator – und natürlich zwei, drei Kisten Bier. Ohne die geht hier oben gar nichts. Die Vorbereitung gehört dazu wie die Tropenhitze: sorgfältig, routiniert und mit einer Prise Galgenhumor.
Für mich hatte das Ganze allerdings eine besondere Note: es war mein erster echter Zyklon. Nicht so ein „man hört davon“-Erlebnis, sondern die Vollversion. Ich hatte schon einige Unwetter (auf meiner Insel Helgoland) erlebt, aber ein echter Zyclon Kategorie-3-Kandidat? Da mischt sich gesunder Respekt mit dieser merkwürdigen Neugier, die einem zuflüstert: „Na gut, schauen wir uns das nun einmal in der Praxis an.“ Ganz ohne Übermut, aber auch ohne übertriebene Nervosität.
Eher so ein gedämpftes Staunen – die Art, bei der man innerlich denkt: Na bravo, willkommen im Norden. Gleich gibt’s die Einführungsvorlesung in ‚Atmosphärische Gewalt 101‘.
Am Samstagmorgen wurde die Lage spürbar real. Die ersten äußeren Regenbänder zogen über die Stadt, und der Wind bekam diesen tiefen, unruhigen Ton, den nur ein Tropensturm hervorbringt.
Rund ums Haus sicherten wir lose Gegenstände, schoben Sandsäcke vor die Türen und klärten ein letztes Mal die Abläufe. Innerlich baute sich eine eigentümliche Spannung auf – diese Erwartungshaltung, was passieren wird, wann es passiert und wie stark es ausfällt. Der Norden lebt in diesem merkwürdigen Mischzustand zwischen Routine und Respekt, und ich war mitten drin, gleichzeitig gelassen und beeindruckt.
Gegen 15 Uhr verabschiedete sich der Strom. Erst wurde es still, dann sprangen in der Nachbarschaft die Generatoren an. Dieses monotone, vibrierende Brummen legte sich wie eine zweite Klangspur unter das Heulen des Windes. Zwischen Sturm, Regenprasseln und Generatorbrummen entstand ein akustisches Chaos der Tropen.
Die Sandsäcke hielten viel ab, aber nicht alles. Die untere Wohnung bekam Wasser ab, weil der Regen schneller kam, als der Boden ihn aufsaugen konnte.
Der Pool sah am Morgen aus wie ein naturkundliches Experiment: Äste, Blätter, Samen, alles bunt gemischt, ein botanisches Sammelbecken.
Ein Baum im Garten fiel um, zum Glück ohne Schaden, musste aber am nächsten Tag zersägt werden.
Gegen 19 Uhr erreichte FINA Darwin mit voller Kraft, spürbar stärker als ursprünglich erwartet. Die Böen, die uns erreichten, gehören zu einem typischen Randbereich eines Kategorie-3-Systems: gewaltig, ruckartig, dröhnend. Der Regen fiel in Wänden, als hätte jemand das Meer direkt über der Stadt ausgeschüttet.

Wir saßen auf der Veranda, sicher, aber nah genug am Geschehen. Mit einem „Zyklon-Bier“ in der Hand beobachteten wir das Spektakel. Für mich war es der Moment, in dem ich zum ersten Mal verstand, warum Alteingesessene jedes Jahr neu erzählen, wie „jeder Zyklon seine eigene Persönlichkeit“ hat.
Es fühlte sich tatsächlich an, als würde die Atmosphäre versuchen, uns mitzuteilen, dass sie heute die Chefrolle übernimmt.
Gegen 4 Uhr am frühen Sonntagmorgen verlor FINA spürbar an Kraft. Und um 6.30 Uhr hörte man schon die Motorsägen der ersten Aufräumtrupps. Feuerwehr, Nachbarn, große Fahrzeuge – alle waren unterwegs, um Straßen zu öffnen und Schäden zu beseitigen.

Die Generatorengeräusche wurden nun vom Kreischen der Sägen übertönt, ein sicheres Zeichen dafür, dass die Stadt langsam wieder erwacht.
Manche Stadtteile hatten Strom, manche nicht. Unsere Nachbarschaft war eine der ersten ohne Versorgung. Andere wurden erst später getroffen, manche gar nicht.
Es ist die übliche, chaotische Verteilung tropischer Sturmschäden.
Das Aufräumen begann sofort: fegen, sammeln, sortieren, trocknen. Und berichten, anrufen, sicherstellen, dass alle heil geblieben sind.
Die Wärme des stehenden Wassers brachte die nächste Plage: Moskitos. Unzählige. Sie klebten einem beim Arbeiten am Körper, als wäre man ihr persönliches Buffet.
Für uns ist es gut ausgegangen. Für manche weniger. Jeder hat seine eigene Geschichte dieses Sturms. Und auch wenn ich so ein Erlebnis nicht ständig brauche, bin ich dankbar, dass wir sicher durchgekommen sind. FINA war der heftigste Sturm, den Darwin seit den Zeiten nach Tracy erlebt hat – nicht gleich zerstörerisch, aber deutlich in seiner Wucht.
Zum Schluss ein Blick auf die Wissenschaft: Ein tropischer Zyklon ist ein rotierender Wirbelsturm über warmem Meer. Seine Energie erhält er aus verdunstendem Wasser, das beim Aufsteigen kondensiert und enorme Wärme freisetzt.
Dieselbe Wettermaschine heißt im Atlantik und östlichen Pazifik Hurricane, im westlichen Pazifik Taifun, und im Indischen Ozean sowie im Süden Australiens Zyklon. Der Aufbau ist gleich – die Namen sind regional. Ein Orkan hingegen bezeichnet schlicht extrem starke Winde, ist aber kein eigener Stürmetyp.
FINA hat uns daran erinnert, wie lebendig und kraftvoll die Atmosphäre ist. Und für mich ganz persönlich war es die erste Begegnung mit einem Zyklon – eine Mischung aus Respekt, Faszination und dem leisen Gefühl, nun ein wenig besser zu verstehen, warum Darwin niemals ein Ort für Wetter-Langweiler sein wird.Nach FINA bleibt viel Arbeit – nd irgendwann sitzt man wieder auf der Veranda und trinkt ein Bier, erschöpft aber mit viel Dankbarkeit. Diesmal ohne Sturm.
Bis bald eure Travel Nurse Eva.




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